Alltag

Geldscheine und Münzen erkennen mit Sehbehinderung

Fühlbare Linien am Scheinrand, geriffelte Münzränder, eine Geldlese-App oder eine Schablone: Es gibt viele Wege, Bargeld ohne gutes Sehvermögen sicher zu erkennen.

Veröffentlicht am · 4 Min. Lesezeit

Warum Bargeld trotzdem wichtig bleibt

Auch wenn Kartenzahlung und Online-Banking immer verbreiteter sind: Bargeld gehört für viele Menschen mit Sehbehinderung zum Alltag dazu – auf dem Markt, beim Bäcker oder in der Kantine. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Euro-Banknoten von Beginn an gemeinsam mit Blindenverbänden gestaltet. Das Ziel: Jeder Schein soll sich auch ohne Sehen sicher zuordnen lassen. Die wichtigsten Merkmale und Techniken stellen wir hier vor.

Fühlbare Linien: das Herzstück der Euro-Scheine

Alle Banknoten der Europa-Serie tragen an den linken und rechten kurzen Rändern fühlbare Linien. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank sind diese Linien je nach Wert durchgehend oder unterbrochen:

  • 5 Euro und 50 Euro: durchgehende Linien
  • 10 Euro und 100 Euro: Linien mit einer Lücke in der Mitte
  • 20 Euro und 200 Euro: Linien mit zwei Lücken

Damit lassen sich die Werte in zwei Gruppen ordnen: Zuerst zählen Sie die Lücken, dann unterscheiden Sie innerhalb der Gruppe die Scheinlänge und die Größe der gedruckten Zahl. Zusätzlich hebt sich die große Wertzahl auf der Vorderseite durch das Stichtiefdruckverfahren leicht von der Oberfläche ab. Ob man sie ertasten kann, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich – viele nutzen dafür lieber die Linien am Rand.

Die EZB weist außerdem auf Merkmale hin, die besonders für sehbehinderte Menschen gedacht sind: Jeder Wert hat eine kräftige, eigene Grundfarbe, und die Wertzahl ist groß und kontrastreich gedruckt. Wer noch Restsehen hat, kann den roten Zehner oft vom blauen Zwanziger unterscheiden, auch wenn Details unscharf bleiben.

Üben Sie das Ertasten der Linien zu Hause mit eigenen Scheinen in Ruhe. Vergleichen Sie zuerst nur zwei Werte, etwa 10 und 20 Euro. Nach einigen Tagen gelingt das Zuordnen meist deutlich schneller und sicherer.

Münzen unterscheiden: Größe, Farbe und Rand

Die Euromünzen sind bewusst unterschiedlich gestaltet. Am hilfreichsten sind der Rand und der Durchmesser:

  • 1 Euro und 2 Euro: zweifarbige Münzen mit geriffeltem Rand – die 2-Euro-Münze ist deutlich größer
  • 10 Cent: „Nordisches Gold“ mit fein gekerbtem Rand
  • 1 Cent, 5 Cent, 20 Cent und 50 Cent: glatte Ränder, unterscheidbar über Größe und Farbe (Kupfer bei 1, 2 und 5 Cent; Goldton bei 10, 20 und 50 Cent)

Mit etwas Übung genügt ein kurzer Griff in die Hosentasche oder die Geldbörse. Hilfsmittelvertriebe bieten außerdem Münz-Aufbewahrungsboxen mit passgenauen Aussparungen für jede Münzgröße an, wie der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) beschreibt.

Apps: die Kamera als Geldleser

Wer ein Smartphone nutzt, kann auf spezielle Geldlese-Apps zurückgreifen. Ein verbreitetes Beispiel ist Cash Reader: Die Kamera auf den Schein gerichtet, meldet die App den Wert per Sprachausgabe oder per Vibration – für Menschen, die zugleich schlecht hören, ist das Vibrationsfeedback hilfreich. Die App funktioniert nach Herstellerangaben offline und erkennt Banknoten vieler Währungen, was auch auf Reisen nützlich ist.

Allgemeine Apps zur Bildbeschreibung mit künstlicher Intelligenz können ebenfalls einen Schein benennen. Sie sind dafür aber nicht eigens gebaut; für das schnelle Bezahlen an der Kasse ist eine spezielle Geldlese-App meist zuverlässiger und schneller.

Schablonen und Messen mit der Hand

Geldscheinschablonen sind Karten im Scheckkartenformat mit einer Aussparung und Markierungen: Der Schein wird eingelegt, und an der Schablone lässt sich der Wert ablesen – teilweise in Braille. Der DBSV beschreibt auch eine Schablone mit Vibration: Schein einlegen, Taste drücken, und die Anzahl der Vibrationsimpulse nennt den Wert. Bezogen werden solche Hilfsmittel über Hilfsmittelvertriebe und Rehabilitationsgeschäfte.

Eine ganz einfache Technik ohne jedes Gerät ist das Messen mit der eigenen Hand: Den Schein an der Falte zwischen Daumen und Zeigefinger anlegen und prüfen, bis wohin er über die ausgestreckten Finger hinausreicht. Jeder Schein hat eine eigene Länge und Breite – wer sich die Bezugspunkte an den eigenen Fingern merkt, kann Werte schnell vergleichen. Das braucht etwas Übung, funktioniert dann aber überall.

Ordnung im Portemonnaie: Systeme, die Zeit sparen

Viele blinde und sehbehinderte Menschen ordnen ihre Scheine mit einem festen Falt- und Markierungssystem. Ein Beispiel aus den Alltagstricks des DBSV:

  1. 5 Euro: einmal gefaltet, keine Büroklammer
  2. 10 Euro: einmal gefaltet, eine Büroklammer
  3. 20 Euro: einmal gefaltet, zwei Büroklammern
  4. 50 Euro: zweimal gefaltet, keine Büroklammer

Alternativ oder ergänzend helfen diese Gewohnheiten:

  • Scheine im Portemonnaie der Größe nach sortieren und die Reihenfolge beibehalten.
  • Vor dem Einkauf überlegen, welche Scheine Sie dabeihaben – dann wissen Sie beim Rückgeld sofort, ob alles passt.
  • Nur eine Sorte Scheine mitnehmen, wenn es die Einkäufe erlauben.
  • Rückgeld der Reihe nach entgegennehmen und einzeln prüfen statt alles auf einmal in die Tasche stecken.

Bezahlen im Geschäft: souverän an der Kasse

Sagen Sie beim Bezahlen ruhig den Betrag laut an, den Sie überreichen, und bitten Sie um eine kurze Bestätigung. Beim Rückgeld hilft es, die Hand flach hinzustrecken: Scheine kommen zuerst, Münzen danach – so können Sie beides getrennt prüfen. Niemand muss sich für die zusätzliche Kontrolle rechtfertigen; ein höflicher Hinweis, dass Sie die Scheine ertasten, erspart oft Nachfragen.

Wer unsicher ist, ob ein Schein echt ist, kann ihn im Zweifel von der Kassenkraft prüfen lassen. Für die eigenständige Prüfung gibt es neben Apps auch sprechende Geldprüfgeräte über Hilfsmittelvertriebe.

Was passt zu Ihnen?

Welche Methode am besten funktioniert, hängt von Ihrem Sehvermögen, Ihrem Tastgefühl und den Situationen ab, in denen Sie Bargeld nutzen. Viele kombinieren: die Linien am Scheinrand für zu Hause, eine App für unbekannte Scheine und ein Falt-System für den schnellen Einkauf. Eine Beratung durch eine Rehabilitationslehrkraft für Lebenspraktische Fähigkeiten oder die lokale Beratungsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins hilft dabei, die passende Technik einzuüben.

Häufige Fragen

Kann ich Geldscheine wirklich allein durch Tasten erkennen?

Ja. Die Scheine der Europa-Serie haben an den kurzen Rändern fühlbare Linien aus Stichtiefdruck. Ob die Linien durchgehend sind oder eine beziehungsweise zwei Lücken haben, verrät den Wert. Wie gut das gelingt, übt man am besten mit Scheinen zu Hause in Ruhe – das Tastgefühl verbessert sich durch Übung deutlich.

Welche App erkennt Geldscheine für Blinde und Sehbehinderte?

Ein verbreitetes Beispiel ist Cash Reader. Die App erkennt Scheine vieler Währungen über die Kamera und gibt den Wert per Sprachausgabe oder Vibration aus. Sie ist für iOS und Android erhältlich. Alternativ können allgemeine KI-Bildbeschreibungs-Apps den Wert ebenfalls vorlesen, sind dafür aber nicht speziell optimiert.

Wie erkenne ich Münzen schnell im Alltag?

Münzen unterscheiden sich in Größe, Farbe und Rand: Der Rand der 1-Euro- und 2-Euro-Münze ist geriffelt, die 10-Cent-Münze hat eine feine Kerbung, 1-Cent, 5-Cent, 20-Cent und 50-Cent haben glatte Ränder. Mit etwas Übung genügt ein kurzer Griff in die Geldbörse. Münzboxen mit Aussparungen für jede Münzgröße helfen dabei, den Überblick zu Hause zu behalten.

Quellen und weiterführende Links

Persönliche Beratung finden

Blinden- und Sehbehindertenvereine, EUTB-Stellen und Selbsthilfegruppen beraten kostenlos – oft von Menschen, die selbst sehbehindert sind.