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Screenreader im Vergleich: welcher passt zu mir?

Der beste Screenreader ist nicht automatisch der bekannteste. Entscheidend ist, wie zuverlässig er mit Ihren Geräten und Programmen arbeitet – und wie schnell Sie damit zurechtkommen.

Veröffentlicht am · Aktualisiert am · 3 Min. Lesezeit

Worauf es beim Vergleich wirklich ankommt

Funktionslisten helfen nur begrenzt. Wichtiger sind praktische Fragen:

  • Funktioniert der Screenreader stabil in den Programmen, die Sie täglich nutzen – Browser, E-Mail, Textverarbeitung, Fachsoftware am Arbeitsplatz?
  • Wie gut lassen sich lange Dokumente, Tabellen und Formulare bedienen?
  • Gibt es Schulungen, Anleitungen auf Deutsch und Menschen in Ihrem Umfeld, die helfen können?
  • Wie arbeitet er mit Ihrer Braillezeile zusammen?
  • Was kostet er – einmalig und für Updates?

NVDA: kostenlos und leistungsfähig

NVDA (NonVisual Desktop Access) ist ein Open-Source-Screenreader für Windows, entwickelt von der gemeinnützigen Organisation NV Access. Er wird regelmäßig aktualisiert und ist kostenlos; NV Access finanziert sich über Spenden.

  • Stärken: sehr gute Unterstützung für Browser wie Firefox, Chrome und Edge sowie für Microsoft Office; große internationale Gemeinschaft; viele Erweiterungen (Add-ons); portable Version für den USB-Stick.
  • Grenzen: Bei manchen speziellen Fachanwendungen in Unternehmen fehlen Anpassungen, die für JAWS bereits existieren. Professioneller Support ist über Schulungsanbieter verfügbar, aber weniger verbreitet.
  • Für wen: Einsteigerinnen und Einsteiger, private Nutzung, viele Arbeitsplätze mit Standardsoftware.

JAWS: der Profi-Standard im Beruf

JAWS (Job Access With Speech) von Freedom Scientific ist seit Jahrzehnten der verbreitetste kommerzielle Screenreader für Windows.

  • Stärken: umfangreiche Skriptsprache, mit der sich auch schwierige Fachanwendungen zugänglich machen lassen; etablierte Schulungs- und Supportstrukturen im deutschsprachigen Raum; viele Arbeitgeber und Kostenträger sind darauf eingestellt.
  • Grenzen: Die Lizenz ist teuer, Updates kosten in der Regel extra. Die Fülle an Funktionen kann Einsteiger überfordern.
  • Für wen: Arbeitsplätze mit komplexer Software, Menschen, die bereits mit JAWS geschult sind.

Windows-Sprachausgabe (Narrator)

Die in Windows eingebaute Sprachausgabe hat sich stark verbessert und genügt für einfache Aufgaben. Sie ist praktisch, um an einem fremden Computer schnell Zugang zu bekommen oder NVDA zu installieren. Als Hauptwerkzeug für den ganzen Tag bevorzugen die meisten Menschen NVDA oder JAWS. Starten mit Windows + Strg + Eingabe.

VoiceOver: Apple-Geräte

VoiceOver ist in jedem iPhone, iPad und Mac eingebaut. Auf dem iPhone gilt es für viele blinde Menschen als besonders ausgereift: Die Gestensteuerung ist durchdacht, und die meisten großen Apps sind gut damit bedienbar. Auf dem Mac ist VoiceOver ebenfalls vollständig nutzbar, die Bedienung unterscheidet sich aber deutlich von Windows-Screenreadern und erfordert Umgewöhnung.

TalkBack: Android

TalkBack ist der Screenreader von Google für Android. Er ist auf den meisten Android-Geräten vorinstalliert oder lässt sich aus dem Play Store laden. Die Bedienung erfolgt mit Gesten ähnlich wie bei VoiceOver. Weil Hersteller Android unterschiedlich anpassen, kann das Verhalten je nach Gerät variieren – Pixel-Geräte von Google und Samsung-Geräte gelten als gut unterstützt.

Orca: Linux

Orca ist der Screenreader für den Linux-Desktop GNOME. Er ist kostenlos und für technisch versierte Nutzerinnen und Nutzer eine Alternative, erreicht aber nicht die Verbreitung der Windows-Lösungen.

Braille-Unterstützung

Alle genannten Screenreader können Braillezeilen ansteuern. Bei Windows-Screenreadern hängt die Unterstützung eines bestimmten Modells vom Treiber ab; die gängigen Geräte werden aber von NVDA und JAWS unterstützt. VoiceOver und TalkBack verbinden sich per Bluetooth mit vielen Braillezeilen. Fragen Sie beim Kauf einer Braillezeile ausdrücklich nach der Kompatibilität mit Ihrem Screenreader.

Unsere Empfehlung

  • Zu Hause mit Windows: Starten Sie mit NVDA. Es ist kostenlos und für die meisten Aufgaben mehr als ausreichend.
  • Im Beruf: Klären Sie mit der IT-Abteilung und dem Kostenträger, welche Software eingesetzt wird. Bei komplexen Fachanwendungen ist JAWS oft die sicherere Wahl; testen Sie beide.
  • Unterwegs: Ein iPhone mit VoiceOver oder ein Android-Gerät mit TalkBack ersetzt für viele Menschen bereits einen großen Teil der Computernutzung.
  • Egal welches System: Eine gute Schulung zu Beginn spart später viel Zeit. Wie der Einstieg gelingt, lesen Sie unter Screenreader: der Einstieg.

Häufige Fragen

Kann ich NVDA und JAWS gleichzeitig installieren?

Ja. Beide lassen sich auf demselben Computer installieren; es sollte aber immer nur einer laufen. Viele Profis nutzen NVDA als Ausweichlösung, wenn eine Anwendung mit JAWS Probleme macht, oder umgekehrt.

Wer bezahlt JAWS?

Für den Arbeitsplatz übernehmen in der Regel Rentenversicherung, Agentur für Arbeit oder Integrationsamt die Lizenz. Für den privaten Gebrauch kann ein Antrag bei der Krankenkasse Erfolg haben, wenn die Notwendigkeit begründet wird; da NVDA kostenlos ist, wird das aber oft kritisch geprüft.

Quellen und weiterführende Links

Persönliche Beratung finden

Blinden- und Sehbehindertenvereine, EUTB-Stellen und Selbsthilfegruppen beraten kostenlos – oft von Menschen, die selbst sehbehindert sind.