Mobilität & Reisen

Orientierung ohne Sehen: Strategien für sichere Wege

Orientierung heißt: wissen, wo ich bin, wohin ich will und wie ich dorthin komme. Ohne oder mit wenig Sehvermögen übernehmen Gehör, Tastsinn und eine gute Planung diese Aufgabe.

Veröffentlicht am · Aktualisiert am · 2 Min. Lesezeit

Die innere Landkarte

Wer sich ohne Sehen orientiert, baut Schritt für Schritt eine Vorstellung der Umgebung auf. Wichtig sind feste Bezugspunkte, sogenannte Landmarken: eine Hausecke, ein Briefkasten, der Wechsel von Pflaster zu Asphalt, der Geruch einer Bäckerei oder das Geräusch eines Brunnens. Aus ihnen und den Richtungen dazwischen entsteht eine Wegbeschreibung, die man sich merken kann – etwa „am Ende der Hauswand rechts, nach dem Gullydeckel noch zwanzig Schritte bis zur Haltestelle“.

Leitlinien nutzen

  • Natürliche Leitlinien: Hauswände, Zäune, Rasenkanten und Bordsteine, an denen der Stock entlangführt.
  • Bodenindikatoren: Rillenplatten zeigen die Gehrichtung, Noppenplatten warnen vor Gefahren oder markieren Abzweige, Haltestellen und Querungsstellen. Sie finden sich an Bahnhöfen, Haltestellen und vielen Ampeln.
  • Innenräume: Handläufe, Teppichkanten und Wandverläufe helfen in Gebäuden.

Hören als Orientierung

  • Der Verkehrsfluss zeigt die Richtung einer Straße und hilft, parallel zu ihr zu gehen.
  • Hauseinfahrten, Durchgänge und Plätze klingen anders als geschlossene Häuserfronten.
  • Tippgeräusche des Stocks werden von Wänden zurückgeworfen und geben Hinweise auf Abstände.
  • Kopfhörer sollten die Ohren frei lassen, etwa Knochenleitungskopfhörer oder nur ein Ohrhörer.

Straßen sicher überqueren

  • Nutzen Sie möglichst Ampeln mit Blindensignal: Ein Tickgeräusch zeigt den Standort an, ein schnelleres Signal oder ein vibrierendes Tastfeld die Grünphase. Oft gibt ein tastbarer Pfeil unter dem Taster die Gehrichtung an.
  • Richten Sie sich vor dem Losgehen gerade zur Straße aus, etwa am Bordstein oder an der Rillenplatte.
  • An Kreuzungen ohne Ampel helfen Geräusche: Queren Sie, wenn der Verkehr parallel zu Ihrer Gehrichtung fließt und der Querverkehr ruhig ist – und nur, wenn Sie sich sicher fühlen.
  • Elektroautos und Fahrräder sind leise. Rechnen Sie mit ihnen und nutzen Sie gesicherte Querungen.

Wege vorbereiten

  1. Route planen: Mit einer Karten-App oder einer Wegbeschreibung von Bekannten.
  2. Erkunden: Neue Strecken zuerst mit Begleitung oder im Mobilitätstraining gehen.
  3. Merkpunkte festlegen: Welche Landmarken zeigen, dass Sie richtig sind?
  4. Plan B: Was tun, wenn eine Baustelle den Weg versperrt? Speichern Sie Nummern für Taxi oder Begleitung.

Elektronische Hilfen

  • Navigations-Apps sagen Richtung, Entfernung und Orte in der Umgebung an. Mehr unter Navigations-Apps.
  • Elektronische Zusatzgeräte zum Langstock warnen per Vibration vor Hindernissen in Brust- oder Kopfhöhe.
  • Videoassistenz-Apps wie Be My Eyes helfen, wenn Sie ein Schild oder einen Eingang nicht finden.

Alle Hilfen funktionieren am besten zusammen mit einem soliden Training. Wie Sie dieses beantragen, lesen Sie unter Mobilitätstraining.

Persönliche Beratung finden

Blinden- und Sehbehindertenvereine, EUTB-Stellen und Selbsthilfegruppen beraten kostenlos – oft von Menschen, die selbst sehbehindert sind.